Dieser Reisebericht schildert die Besteigung des 6075 m hohen Chachani bei Arequipa unter erschwerten Bedingungen. Trotz mangelnder Akklimatisation und gesundheitlicher Probleme bietet die Tour spektakuläre Ausblicke auf das nächtliche Lichtermeer und die Andengipfel. Ein lehrreicher Einblick in die Bedeutung von Vorbereitung und den Respekt vor der extremen Höhe in den peruanischen Anden.
Grenzerfahrung am Chachani: Mein Kampf mit dem „leichten“ Sechstausender
Warum die Höhe keine Fehler verzeiht und warum sich die Qual über den Dächern Arequipas trotzdem lohnt
Arequiipa. Nach etwas warten meldet sich nun meine Bergtouren-Agentur und bietet mir statt dem Misti, mit dem ich eigentlich starten wollte, den etwas höheren Chachani an. Mein Durchfall ist immer noch nicht auskuriert, dazu bin ich eigentlich längst noch nicht ausreichend akklimatisiert für einen 6000er. Andererseits weiß ich nicht, wann die nächste Tour zustande kommt und die komplette Chachani-Besteigung ist für nur 60 Dollar zu haben. Der Agenturchef schreibt mir noch wirksame Durchfalltabletten auf, die ich in der nächstgelegenen Apotheke bekommen kann, dazu Pastillas gegen die Höhe. Er will den zahlenden Kunden wohl unbedingt dabeihaben und ich tue ihm den Gefallen.
Am nächsten Tag geht’s dann los, zuerst wird die benötigte Ausrüstung zusammengestellt und im Geländewagen verstaut. Mit Iban Jiminez ist der zurzeit wohl beste Führer Arequipas dabei, dazu ein Chauffeur, der uns zum Ausgangspunkt bringt und in 2 Tagen dort auch wieder auflesen wird. Neben mir ist noch ein weiterer Deutscher mit von der Partie, dazu eine Peruanerin, ein Pole und ein Franzose.
Mit Zelten und vollem Gepäck geht es dann zum Basislager, auf ca. 5300 m Höhe gelegen. Nur 400 Höhenmeter also, denn der Ausgangspunkt liegt bereits auf knapp 4900 Metern. Von 2300 auf 4900 Meter mit dem Auto, viel zu viel. Entsprechend anstrengend ist diese erste Etappe auch für alle Beteiligten. Ich merke deutlich, dass ich zu schnell in große Höhen gelangt bin, trotzdem helfen die Durchfalltabletten und auf der Fahrt hatte ich sogar etwas Hunger. Trotzdem bin ich am Anfang ganz hinten im Feld und merke schon, dass diese Tour für mich zu früh kommt. Ich habe den Chachani wohl etwas unterschätzt. Nach und nach bekomme ich aber meinen Rhythmus und arbeite mich nach vorne. Doch weiterhin merke ich die große Höhe sehr deutlich, zumal ich mit Schlafsack, Zelt usw. wie alle anderen auch, einiges an Ausrüstung zu tragen habe. Endlich am Lagerplatz angekommen, muss ich mich erstmal völlig erschöpft setzen, bin da aber nicht der Einzige.
Ob die Nacht in der Höhe meine Verfassung wohl verbessern wird?
Leider war dies nicht der Fall. Eine Nacht im Zelt bei großer Höhe ist sehr kalt und windig, dazu ist es zu zweit in dem kleinen Zelt sehr eng, man kann sich kaum bewegen. Eine Riesenüberwindung stellt ein nächtlicher Gang auf die Toilette dar. Falk, der Berliner Universitätsdozent mit dem ich das Zelt teile meint er hätte mich leise schnarchen gehört, wenn auch nur kurzzeitig. Ich muss also mehr geschlafen haben als ich dachte, kein Wunder, glaubte ich doch überhaupt nicht geschlafen zu haben.
Mitten in der Nacht werden im Scheine der Stirnlampen die Vorbereitungen zum Aufstieg getroffen, selbst das Zuschnüren der Bergschuhe fordert einiges an Überwindung. Ich fühle eine seltsame und seltene Schwäche, das muss wohl die Höhenkrankheit sein, die auch die Tablette nicht vertreiben kann. Zum Glück starten wir sehr langsam, trotzdem muss ich schwer atmen, allerdings haben andere Gruppenmitglieder noch größere Probleme.
Als wir den ersten Sattel erreichen, entscheidet sich der polnische Bergsteiger zum Lager zurückzukehren, Iban begleitet ihn und steigt dann schnell wieder zum wartenden Rest der Gruppe auf, für ihn ist diese Höhe völlig normal, entsprechend frisch wirkt er auch. Nun werden die Steigeisen angelegt und es geht über einen verfirnten Quergang dem Chachanin entgegen. Groß sind die alpinistischen Anforderungen nicht, es bleibt aber aufgrund der Höhe sehr mühsam. Unter uns breitet sich das Lichtermeer des nächtlichen Arequipa aus, ein unvergesslicher Anblick. Nach den Eisfeldern liegt nun wieder Vulkansand vor uns, welcher den Rest der Tour unsere Unterlage bilden wird. Endlich macht sich auch die Sonne bemerkbar und in den dicken Klamotten beginne ich tierisch zu schwitzen.
An dieser Stelle können wir zum Glück Pickel, Steigeisen und auch einiges an Kleidung zurücklassen. Ich fühle mich wie krank, jeder Schritt ist eine Überwindung, es handelt sich um ein ganz seltsames und nie gekanntes Gefühl der Schwäche, anders als alle Erschöpfungszustände die ich bisher erlebt habe. Auch die junge Peruanerin entscheidet sich an diesem Platz zu warten und nicht weiter zu steigen, während ich noch eine Zeit versuchen will mitzuhalten. Es geht nun einen steilen Vulkanhang hinauf, alles Gehgelände, mit dem richtigen Tempo müsste es doch gehen. Aber der rutschige Vulkansand ist extrem mühsam zu begehen, ein paar Kletterstellen wären viel angenehmer gewesen. Mit vielen Pausen schleppe ich mich weiter. Allerdings merke ich, das die anderen Beiden etwas besser als ich vorankommen und ich ihr Tempo nicht mehr halten kann. Somit entschließe ich mich sie nicht zu behindern und sage Iban das ich versuchen würde allein den völlig ungefährlichen Vorgipfel zu erreichen und dann zum Materiallager absteigen wolle. Ich muss zugeben, zu wenig akklimatisiert für diese Höhe zu sein und fühle mich entsprechend.
Die anderen Beiden steigen nun mit Iban weiter dem Gipfel entgegen und auch ich versuche zum wer weiß wievielten Mal das passende Tempo für mich zu finden. Wieder erfolglos, immer wieder rutsche ich im haltlosen Sand zurück und bekomme keinen Rhythmus hinein. Den Vorgipfel möchte ich aber wenigstens schaffen, bei jedem Schritt freue ich mich darauf, mich wieder in den warmen Sand fallen zu lassen. Die Umgebung ist übrigens herrlich, verschneite Berggipfel um mich herum, kaum je bestiegen, dazu eine wahrhaft atemberaubende (war bei mir nicht mehr nötig) Fernsicht. Die Quälerei hat sich also doch gelohnt, auch der Vorgipfel bietet ein phantastisches Bergerlebnis, zum 6076 Meter hohen Hauptgipfel sind es aber noch etwa 200 Höhenmeter, heute zu viel für mich. Für den Misti hätte es wohl gerade noch gereicht, aber der Chachani war heute noch eine Nummer zu hoch für mich, war ich doch in letzter Zeit kaum höher als 3000 Meter gewesen, also steige ich zum Materialdepot ab und warte gemeinsam mit der Peruanerin auf die Anderen.
Einige Zeit später kommen sie zurück und auch der Franzose und Falk, der mir versichert, dies sei sein letzter 6000er gewesen, sind völlig erschöpft. Iban zeigt mir noch einige Boulderübungen an einem nahe gelegenen Felsen, aber meine allgemeine Schwäche hat sich auch auf die Unterarme übertragen, so dass ich sie nicht nachahmen kann. Zurück geht es dann über den Gletscher dem Basislager entgegen. Beim kurzen Gegenanstieg auf dem Rückweg fühle ich mich nach der Pause schon wieder deutlich frischer, leider zu spät. Wie auch am Vortag habe ich mich mit dem Verlauf des Anstieges besser gefühlt, es hätte wohl nur etwas mehr Zeit gebraucht. Sei's drum, es war auf jeden Fall ein sehr interessantes Bergerlebnis mit fantastischen Landschaftsbildern.
Zum Schluss müssen wir noch mit vollem Gepäck zum Auto zurück, was wir dann glücklich und völlig erschöpft erreichen.