Andahuaylas – Das Kontrastprogramm

Ein Reisebericht aus Südamerika - Peru. Von Thomas Wilken.

Das hübsch gelegene Andenstädtchen ist wirklich der absolute Gegensatz zu Cusco. Hier bin ich praktisch der einzige Weiße in der ganzen Stadt, kein einziger Tourist läuft mir über den Weg. Monumentale Gebäude gibt es ebenfalls nicht zu sehen, auch bekannte touristische Sehenswürdigkeiten fehlen. Dafür gibt es ursprüngliche Märkte und die Hotel- und Essenspreise betragen einen Bruchteil von denen Cuscos. Als Fortbewegungsmittel werden vor allem 3-rädrige Motorroller benutzt, ein völlig neues Taxifahrgefühl. Einige interessante Ausflugsziele gibt es übrigens ebenfalls, z.B. die Kathedrale San Pedro, die Laguna Pachucha, den Bosque de Piedra Pancula, sowie einige kleinere Ruinen.

Schön wandern kann man natürlich auch, einen kleinen Fluss gibt es und mehrere kleinere Hügel, ich finde eine schöne Rundtour über eine Anhöhe mit Blick auf die 40.000 Einwohner zählende Stadt.

Ich ziehe alle Blicke auf mich, und schon in der Stadt riefen viele Kinder „ein Gringo“ als sie mich sahen, ich bin fast eine Sensation. So müssen sich wohl auch die ersten Schwarzen in Deutschland vorgekommen sein, ein ungewohntes Gefühl mal selbst der Ausländer zu sein. Mir allerdings schlägt, zumindest keine merkliche, Antipathie entgegen, sondern eher Interesse. Als ich beispielsweise ein Foto mache, wollen mehrere Kinder gleich auch mit aufs Bild, den Gefallen tue ich ihnen natürlich gerne. Von weitem höre ich eher Gelächter als Hass, die weißen Eindringlinge als Witzfiguren zu sehen, wäre sicher eine äußerst elegante Variante mit der Geschichte fertig zu werden. Angeblich lachen die Indigena oft über die Verhaltensweisen der weißen Oberschicht, zumeist nicht zu Unrecht, obwohl diese ja im Großen und Ganzen eher zum Weinen sind (trifft natürlich nicht auf mich zu).

Alles in allem ist Andahuaylas ein lebhaftes Städtchen mit einigen Diskotheken, Restaurants, auch marktähnlichen Geschäften und Internetcaffees.

Ayacucho die Heimat des Sendero Luminoso 

Die Zeit des Sendero ist heutzutage natürlich vorbei, und die unheilverheißende Überschrift wird dem ruhigen und schmucken Universitätsstadtchen nicht gerecht. Nur der Name erinnert noch an alte Bürgerkriegszeiten, denn Ayacucho heißt Übersetzt „Der Winkel der Toten“ . 1539 wurde Ayacucho von den Spaniern gegründet um den Handelsweg zwischen Lima und Cusco zu sichern, eine Maßnahme die wohl nachhaltig fehlgeschlagen ist, nicht nur wenn man an den Sendero denkt. Ursprünglich hieß die Stadt Huamanga und wurde 1825 in Ayacucho umgetauft, weil von hieraus immer wieder Aufstände angezettelt wurden. Auch eine der Entscheidungsschlachten im südamerikanischen Unabhängigkeitskampf fand hier 1824 direkt vor der Umbenennung statt. Die spanische Armee musste am 9.12. kapitulieren und der spanische Vizekönig sich General Sucre ergeben.

Ganz früher war diese Region unter dem Namen Wari Hauptstadt eines andinen Präinkareiches, erste Funde wurden auf etwa 10.000 vor Christus datiert. Hauptstadt ist Ayacucho immer noch, und zwar des gleichnamigen Departamentos, eine typische Kolonialstadt mit immerhin 36 Kirchen und einem wichtigen indigenen Universitätszentrum. 120.000 Einwohner leben hier auf 2761 Metern Meereshöhe.

Schöne Gebäude gibt es wirklich etliche, und auch zahlreiche Restaurants und Diskotheken, klar bei dem hohen Studentenaufkommen. Studentisches Leben beherrscht hier die Straßen, was auch eine sehr friedliche Atmosphäre mit einschließt. Touristen gibt es nur wenige, entsprechend groß ist das Interesse an Ausländern, auch als zahlungskräftige Spender eines üblen Billigschnapses. Unbekannt ist auch die nähere Umgebung, trotzdem gibt es schöne Wandermöglichkeiten und auch zahlreiche Inkaruinen wie Wari oder Vilcashuaman.

Auf der Plaza komme ich mit Omar ins Gespräch, einem peruanischen Studenten. Er ist aus Lima hier hergekommen und liebt die Stadt, vieles Positive hätte sich entwickelt, seit dem Ende des leuchtenden Pfades, auch der Tourismus, doch dies mit Vorsicht. Ich stimme mit ihm überein, das Südamerika viel zu viel amerikanisiert wird, vor allem durch primitivstes Filmmaterial, Big Brother lässt grüßen. Er ist etwas verblüfft, als ich sage das Deutschland mittlerweile ähnlich verblödet ist und dem traurigen Vorbild immer ähnlicher wird. Wenigstens wäre die größte Armut deutlich zurückgegangen, immer weniger Familien müssten Hunger leiden. Sein großer Traum aber, einmal Europa besuchen zu können, läge in unerreichbarer Ferne. 2 Arten Unis gibt es in Peru, teure und sehr gute und schlechte, staatliche, praktisch umsonst. Ich erinnere mich, das mir Aliza, die Sandboardlehrerin aus Huacachina erzählt hatte, monatlich 500 Soles für die Uni zu zahlen, deshalb muss sie ihr Schlafzimmer mit ihrer Mutter teilen. Daher ist Bildung immer noch ein seltenes Gut in Peru. Omar meint die erschreckende Zahl von 50% der Peruaner halte die USA für das große Vorbild und glauben deren Propaganda, also noch mehr als bei uns ! Dabei höre ich zumeist negatives über die USA. Dafür wird Toledo, ursprünglich als Mann des Volkes gefeiert, bei diesem immer unbeliebter. Er sehe nicht mehr die Probleme des Landes, denke nur an die höheren Klassen der Bevölkerung und entferne sich immer mehr von seinen indigenen Wurzeln. 6 Kinder haben die Peruaner immer noch im Durchschnitt, da amen sie also noch nicht die reicheren Staaten nach. Wenigstens können heute immer mehr Kinder ernährt werden, doch gerade in den reichen Familien ist die durchschnittliche Kinderzahl am niedrigsten und nimmt proportional zur Armut zu. Das Imitieren des westlichen Lebensstils ist für die Indigena längst nicht so erstrebenswert wie für die Nachkommen der Spanier.

Eine weitere Information gibt Omar mir noch, nämlich, das Huancayo, mein nächstes Ziel nach Limas Innenstadt einer der gefährlichsten Orte Perus ist. Davon hatte ich vorher noch nicht viel gehört, aber ich bleib dort sowieso nur einen Tag. Kriminalität ist auch die perfekte Überleitung zum zweiten Teil dieses Kapitels, welcher sich mit dem Sendero Luminoso beschäftigt.